Predigt des Hessischen Finanzministers Dr. Thomas Schäfer in der Elisabethenkirche Marburg am 21. Mai 2017 | Hessisches Ministerium der Finanzen
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Finanzminister spricht in Marburg

Predigt des Hessischen Finanzministers Dr. Thomas Schäfer in der Elisabethenkirche Marburg am 21. Mai 2017

Veränderungen - Die Geschichte von Zachäus, Lukas -Evangelium Kapitel 19, Vers 1 - 10

„Ändert Eure Einstellung, Euren Blickwinkel – denn Freude und Frieden beginnen durch einen guten Geist zu regieren.“

So und so ähnlich können wir Jesu Forderung „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen“ – heute für uns verstehen.

Verändert Eure Einstellung, Euren Blickwinkel – denn Freude und Frieden beginnen zu regieren.

Heute möchte ich deshalb über Veränderungen sprechen.

Veränderungen – Unbekanntes, Ungewagtes zu entdecken, sich auf Neues einzulassen – Neues faszinierend zu finden, Altes aufzugeben, loszulassen – die Perspektive, den Blickwinkel zu verändern.

Ich freue mich sehr, heute zu Ihnen, zu Euch sprechen zu dürfen.

Ein kleines Experiment für mich – aber auch für Euch.

Nicht vor den gewählten Bürgerinnen und Bürgern des Landtages als Minister, nicht vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Steuerverwaltung als deren oberster Chef zu sprechen, sondern zu Euch, die Ihr mehr hören wollt, als eine gute Rede und steuerliche Sachverhalte aus meiner Sicht.

Eine Predigt. Eine Predigt, die Wert ist gehalten zu werden.

Für mich ist eine Predigt, die meinen Blickwinkel, meinen Horizont nicht erweitert, mir nichts Neues abverlangt und Freude und Frieden zeigt, nicht wert gehalten zu werden.

Eine Predigt soll dynamisch im besten Sinne sein und für Veränderungen begeistern.

Jesus Christus hat diesen Anspruch erhoben und in seiner Nachfolge – darf ich hier heute stehen. Als Christ möchte ich Euch, von Mensch zu Mensch, eben für Veränderungen begeistern.

Die Welt verändert sich rasant, aber über wen oder was sollte ich predigen, da ich nur eingeladen bin, weil ich gerade Hessischer Finanzminister bin?

In der Bibel gibt es eine Person, die scheint mir geradezu auf den Leib geschneidert zu sein: Der oberste Steuereintreiber – Zachäus!

Keine schmeichelhaft Parallele. Sicher aber eine interessante.

Sicher nicht von Leibesgröße – er war klein von Gestalt, ich bin recht groß gewachsen, sicher aber von seinem Amt: Er war der oberste Zoll-/ Steuereintreiber im Gebiet Jerichos. Ich bin der oberste, nennen wir es beim Namen, Steuereintreiber in Hessen.

Sicher ist die Verwendung der Steuern und die demokratische Legitimation heute eine andere.

Damals baute man Amphitheater, rüstete Eroberungsarmeen aus, hielt Israel besetzt und steckte sich das Geld noch dazu vielfach in die eigene Tasche.

Wir verfolgen heute Bürgerwünsche, bezahlen Lehrer und Polizisten, ich werde über den Landtag von Euch gewählt und gegebenenfalls abgewählt.

Aber vom reinen Amt – als oberster Steuereinnehmer – besteht ein erkennbarer Bezug und die Geschichte, die vielen sicher aus Kindergottesdienstzeiten bekannt ist, bietet einen guten Punkt über Veränderungen zu sprechen.

Ich lese aus dem Lukas-Evangelium, Kapitel 19:

1 Und er (Jesus) ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

[7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.]

[8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.]

Ich habe angekündigt über Veränderungen zu sprechen,

Zachäus aber steckte fest.

In seinem Amt, in seiner Situation, in dem was er selbst ergriffen hatte. Als Zöllner war er quasi von Amtswegen her schon unbeliebt. Aber auch als Mensch mit seinen Fehlern und Schwächen hatte er es schwer. Die augenscheinlichste Schwäche dürfte wohl seine kleine Körpergröße gewesen sein.

Und doch hatte er es geschafft!

Er hatte Karriere gemacht.

Zachäus trug Verantwortung, hatte Einfluss, war Dreh- und Angelpunkt im Bezirk um seine Zollschranke. Zachäus war kein netter Typ.

Warum auch? Als kleinwüchsiger Steuereintreiber war für ihn in der jüdischen Gesellschaft keine Anerkennung, keine Würde, keine Liebe zu bekommen.

Also entschied er sich dazu auszubeuten und kollaborierte mit der gottlosen, mörderischen Besatzungsmacht. 

Er schmierte mit seiner Wegsteuer die blutige Unterdrückungsmaschinerie. Zwar immer noch den verhassten Römern rechenschaftspflichtig, aber durch das Schmiergeld, im Vergleich zum einfachen jüdischen Volk, doch privilegiert.

Und ganz nebenbei wurde er „steinreich“.

Nicht geliebt, aber gefürchtet – mehr war nicht drin.

Er hat sich ausgegrenzt und ist ausgegrenzt.

Er steht im Mittelpunkt von Macht, Geld, Aufmerksamkeit - und doch, wird er schier erdrückt vor Einsamkeit, selbst in der größten Menschenmenge.

Er steckt fest.

Ansprüche an ihn und Forderungen, die er erhebt; Besitz, den er angehäuft hat, und menschliche Mauern der Ablehnung engen ihn ein. Nehmen ihm die Luft zum Atmen und den Blick in die Weite. Den Blick auf Neues. Neue Chancen – Auswege. Veränderungen.

Ich habe in meinem Leben erfahren – es gibt immer einen Ausweg. Immer einen Neuanfang. Veränderungen.

Und diese beginnen mit dem Perspektivwechsel. Einer Veränderung des Blickwinkels.

Zachäus bekommt mit:

Warum spielt denn auf einmal der ganze Bezirk verrückt?

Ein Jesus aus Galiläa würde hier vorbeikommen? Sie nennen diesen Wunder- Prediger und Freuden-Heiler? Manch einer munkelt, dieser sei gar der Messias, der die Tyrannen aus Rom vernichten wird?

Für Zachäus war das eine verwirrende Situation: Warum bekommt ein armer Zimmermann aus der Provinz so viel Aufmerksamkeit? Kann denn ein Zimmermann der Messias sein? Was, wenn es stimmt? Was würde aus ihm werden, wenn Rom geschlagen ist?

Hin und her gerissen, zwischen Furcht und Verwunderung, aber auch der eigenen tiefen Sehnsucht nach Befreiung, gibt Zachäus seiner Neugier nach und überlegt:

„Er wird durch mein Gebiet kommen. Ich kann ihn vielleicht sehen.

Aber ausgeschlossen – er wird nicht zu mir kommen.

Aber vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit – wie nebenbei. Auf dem Weg.

Ja – er muss ja auch durch meine Zollschranke. Durch meine Situation.

Aber ausgeschlossen – sie, die anderen werden ihn umringen. Sie werden ihn vor mir abgrenzen. Mir aber die kalte Schulter zeigen. Mit ihren Schultern, werden sie mich nichts sehen lassen. Jesus wird mir fern bleiben.“

So ringt Zachäus mit sich und verändert dann den Blickwinkel.

Jesus kommt.

Zachäus bleibt nicht in der furchtbaren Situation der stumpfen Masse, die hin und her schiebt.

Er macht sich auf den Weg, läuft voraus. Der kleine Mann klettert auf einen Baum am Wegesrand. Er hofft, wohlwissend sich lächerlich zu machen, dass er Jesus sehen wird und dass das gut für ihn ist.

Wirklich – Jesus kommt und steht unter dem Baum.

Zachäus blickt von oben herab auf Jesus hinunter.

„Das also ist der Mensch. Der Mensch der behauptet: ,Ändert Euren Sinn, denn Gottes Friede und Freude beginnen heute.‘

Er sieht ganz unscheinbar aus. Eher wie ein Knecht, nicht wie ein König. Und doch ist er etwas Besonderes.

Jesus sieht mich an.“

Jesus blickt von unten herauf zu Zachäus, der sich in der Höhe verstiegen hat.

Jesus sieht ihn und kennt ihn und ruft ihn mit Namen.

„Zachäus, steig eilend herunter: denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“

Jesus ruft den Zachäus mit seinem Namen. 

Für jeden der sich in den jüdischen Schriften, dem Gesetz und den Propheten auskennt – schlägt Jesaja 43 ein wie ein Blitz.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; Du bist mein! (...)“

Das schlägt ein, wenn Jesus den Zachäus, mit seinem Namen ruft und sich zu seinem Herrn macht und ihm Anweisungen gibt.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; Du bist mein! (...)

Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. (...) weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe.“

Zachäus spürt Veränderungen.

Sieht den liebevollen, fröhlichen und freundlichen Blick Jesu. Der auf ihm ruht.

Und Zachäus muss diesen Blick und diesen Ruf aushalten. Er steht nun persönlich mitten in der sich offenbarenden Liebe seines Gottes.

Das verändert Zachäus‘ Situation schlagartig und nachhaltig.

Aus der Selbst-Isolation, Ausgrenzung, ja – dem Lebend-Tot-Sein, erstarrt in Selbstbehauptung und Habsucht. Aus Lieblosigkeit.

Im Blick zu sein, umfassender, überwältigender, auffordernder Liebe.

Ich glaube, dass hier auch die eigentliche Veränderung von Zachäus geschieht.

Er übernimmt Jesus‘ Perspektive. Er verändert sein Selbstbild.

Zachäus, eigentlich auf Hebräisch Zakkai, bedeutet „der Gerechte“.

Jesus ruft ihn, den Ungerechten, den Brutalen, mit Namen. Nicht wie er ist, sondern wie er sein soll. Und wie er in Jesu Augen schon längst ist:

Gerecht. Gott angenehm.

Nicht dem Verhalten nach, aber dem Wesen und dem Wert nach. 

In Jesu Augen besitzt Zachäus, ja wir alle – jeder Mensch –, einen Wert unabhängig aller Leistung, Karriere, angehäuften materiellen und immateriellen Gütern.

Wir sind ihm angenehm, obwohl er uns durchschaut.

Jesus ruft uns, ruft Zachäus mit Namen.

Und der so Angesprochene, so Gesehene, verändert nicht nur seinen Blickwinkel, sondern auch seine Position – für sich selbst und vor allen anderen:

Und er stieg eilend herunter und nahm ihn, Jesus, auf mit Freuden.

Der Gesehene. Der Angesprochene. Der Wert- und Liebgeschätzte verändert seinen Blickwinkel. Seinen Standpunkt und sein Handeln.

Jesus, der Wunder-Prediger und Freuden-Heiler, verändert diesen Zachäus von Grund auf und ermöglicht ihm, durch seinen liebevollen Blick und herzliches Wort, Veränderungen – zur Freude.

Zachäus erkennt, es gibt einen Ausweg, einen Weg aus meiner ausweglosen Situation. Er führt über bedingungslose Liebe, die mir dieser Jesus garantiert. Ohne Ende.

Aus der Isolation in die Gemeinschaft.

Zachäus versucht in der Folge, schlimmen Schaden wieder gut zu machen. Seine Lebensveränderungen haben mit dem veränderten Blick auf Jesus, und dessen Blick auf ihn begonnen. Und mit Gottes Wort an ihn, ganz persönlich.

Jesus macht dem Zachäus keine Ausführungen über gerechte Besteuerung. Das weiß Zachäus selbst. Aber er nimmt ihm die Furcht vor Veränderungen. Die Angst vor Verlust. Denn Zachäus hat an diesem Tag mehr erhalten, als er je verlieren kann: Freude und Frieden. Seinen Gott.

Zachäus steigt, von Jesus gerufen, vom Baum und verändert damit seine Haltung zu ihm und gleichzeitig zu allen anderen, die dieser Szenerie beiwohnen. Aus dem geliebten und angenommenen Blick Jesu heraus, findet Zachäus Mut nach seiner Haltung auch sein Verhalten zu verändern. Er bleibt Zöllner und auch bleibt er ein kleingewachsener Mann. Und doch beginnt hier etwas neues, erwachsen neue Verhältnisse – durch Jesus für Zachäus – durch 

Zachäus für die (nicht mehr durch ihn ausgebeuteten) Einwohner des Bezirks – durch die Menschen im Bezirk für Zachäus, die anfangen ihn zu respektieren und zu schätzen als einen „gerechten Zöllner“ – durch den Bezirk für die ganze Welt: Seht, diese Gesellschaft kann einen unscheinbaren, kleinen Mann und Zöllner respektieren, achten, gar lieben. Seht, es ist nicht unmöglich – Zachäus ist der Beweis – das geht, ein gerechter Zöllner sein.

Ich möchte Euch einladen, offen für Veränderung zu sein und Euch und Eure Situationen von Jesus ansehen zu lassen – und einander mit Jesu Augen anzusehen.

[Dies ist nicht leicht dahin gesagt: Jesus selbst zieht bekanntlich weiter nach Jerusalem. Und Jesus selbst kosten diese Veränderungen schließlich alles, den ganzen Rest, seiner er-bärm-lichen Existenz.

Schon in dieser Zachäusgeschichte hören wir: „Als sie das sahen, murrten sie alle.“ Wir wissen, wohin das Murren noch führte und dass es zu lautem Geschrei der Masse wurde.

Aber die beschriebenen Veränderungen sind es wert. Sind es wert für Zachäus, den obersten Steuereintreiber, für Jesus, für uns.

Und mit Jesu Auferstehung – seit Ostern dürfen wir glauben – die Veränderungen müssen siegen.

„Du – ich habe Dich mit Deinem Namen gerufen! Du bist und Du bleibst mein!“

Die Veränderungen der Freude, die Jesus bringt, werden alle Isolation überwinden, denn sie haben selbst die tödlichste Isolation überwunden.]

Ich schließe wie ich begonnen habe:

„Verändert Eure Einstellung, Euren Blickwinkel - denn Freude und Frieden beginnen durch einen guten Geist zu regieren.“

Amen

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