Gastbeitrag

Fair Play geht anders: EU-Regeln für Börsen schaden Privatanlegern

Gastbeitrag für Focus-Money von Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer.

Börsen sind Grundpfeiler eines Finanzmarkts. Hier haben alle Anleger – egal, ob große Investoren oder Privatanleger – die Möglichkeit, Aktien zu erwerben. Ich meine: Transparenz und Fairness sollten dabei die Spielregeln bestimmen. Doch leider mangelt es beim Aktienhandel in der Praxis an genau diesen Dingen. Das geht zu Lasten der Privatanleger. Und das sollte die Politik tunlichst ändern. Ein Aktienkurs ist nur dann fair, wenn Käufer und Verkäufer die gleichen Informationen haben. Dazu gehört es, dass beide Seiten darüber Bescheid wissen, wer wie viele Aktien gerade handeln will oder gehandelt hat. Folglich ist es richtig, dass darüber für Börsen umfassende Transparenzpflichten bestehen.

So weit die Theorie. In der Praxis nutzen große Investoren für ihre Kauf- oder Verkaufsorders im großen Stil Aktienordersysteme großer Banken und Broker und lassen die Börsen weitgehend links liegen. Außer dem Betreiber weiß niemand, wie viele Aktien zu welchem Kurs in diesen Systemen gehandelt werden. Denn dort gelten bei Weitem nicht dieselben strengen Transparenzpflichten wie an den Börsen. Das ist beileibe keine neue Entwicklung. Schon immer haben große Investoren nach Wegen gesucht, um außerhalb von Börsen zu handeln. Solch ein Vorgehen mag legitim und aus Sicht der großen Investoren auch reizvoll sein. Doch meinen Vorstellungen von Fair Play entspricht es nicht, dass am Ende die kleinen Privatanleger benachteiligt werden, weil an Börsen strengere Spielregeln gelten als außerhalb. 

Deshalb möchte ich, dass sich das ändert. Die EU hat bis heute nicht angemessen auf diesen Handel im Schatten der Börsen reagiert. Ihr war es im Jahr 2007 zunächst einmal wichtig, viele neue Handelsplätze in der EU mit dem Ziel zuzulassen, mehr Wettbewerb zu Börsen herzustellen und so die Gebühren zu senken. Die Folge: Hierdurch hat sich der Aktienmarkt nicht nur weiter fragmentiert. Die großen Investoren sind vielfach auch weiterhin an nicht transparenten Handelsplätzen und damit im Verborgenen tätig. Dagegen haben Privatanleger, mangels nötigen Kleingelds, zu Börsen bis heute keine wirkliche Alternative.

Zwar überprüft die EU regelmäßig die Wirkung ihrer Maßnahmen, doch auch die Änderungen der EU-Vorgaben für Börsen, die zum Jahresanfang 2018 in Kraft getreten sind, haben lediglich eine Ausweichbewegung der großen Investoren ausgelöst.

Auf Grund der geänderten EU-Vorgaben entscheiden sich große Investoren jetzt dafür, ihre Kauf- oder Verkaufsorders an Aktienordersysteme großer Banken und Broker zu geben, in denen diese selbst als Käufer beziehungsweise Verkäufer auftreten. Für diese Systeme gelten immer noch deutlich geringere Transparenzpflichten im Vergleich zu Börsen, weshalb die großen Investoren seit Jahresanfang auf sie ausweichen.

Aktuelle Zahlen bestätigen diese Entwicklung: Seit Jahresanfang hat sich die Anzahl besagter Systeme, die in der EU zugelassen sind, verzehnfacht! Ein Ende ist nicht in Sicht. Die EU-Wertpapieraufsichtsbehörde hat zwar das Problem erkannt und im März Vorschläge veröffentlicht, wie per Verwaltungsanweisung für mehr Transparenz bei diesen Systemen gesorgt werden kann. Dabei kann sie die Transparenzvorgaben wegen der EU-Regeln aber allenfalls an die der Börsen annähern. Für eine vollständige Angleichung fehlt es ihr an der Gesetzgebungskompetenz. Damit fehlt es auch weiterhin am dringend benötigten Fair Play, das die kleinen Privatanleger beim Aktienhandel vor Handelsnachteilen schützt.

Die heutige Situation ist ein hausgemachtes Problem. Die EU-Regeln sind einfach nicht passgenau. Leidtragende sind vor allem die Privatanleger. Aus den Bemühungen der EU müssen nun endlich gute Lösungen werden! Die Unterschiede in den Transparenzanforderungen zwischen Börsen und anderen Handelsplätzen müssen ausgeglichen werden, und sie müssen für alle gleich gelten. Ich halte es für geboten, dass der EU-Gesetzgeber dies zügig angeht. Denn Fair Play beim Aktienhandel ist auch eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Bürger in die Finanzmärkte vertrauen können.

Quelle: Schäfer, Dr. Thomas: „Fair Play geht anders: EU-Regeln für Börsen schaden Privatanlegern“; in: FOCUS-MONEY 32/2018, S. 59.

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